SUCKSTRACT


Ralf Dereich, Dani Jakob, Shila Khatami, Henry Kleine, Daniel Lergon, Julie Oppermann,
Max Schulze, Anja Schwörer, Gabriel Vormstein, Michaela Zimmer

Eröffnung
Freitag 03. Juni 2016, 20 Uhr

Ausstellungsdauer
3. Juni – 17. Juli 2016

Die 10- köpfige Berliner Künstler/innen-Gruppe, die über Ralf Dereich und unser Vorstands-mitglied Maria Weber mit dem Kunstverein Weiden Kontakt aufgenommen hat, steht seit zwei Jahren auf unserer Agenda und ist in dieser Zeit mit Suckstract mehrfach ausstellerisch unterwegs gewesen. Zuletzt im Kunstverein Konstanz. Die Gruppe zeigt Arbeiten, die, wie der Projekt-Titel bereits vermuten lässt, nicht figürlicher Art sind? Also abstrakter Art? Es handelt sich um Suckstract Art?

Unter dem Titel Suckstract ist jetzt im um zwei Räume vergrößerten Kunstverein Weiden vor allem Malerei zu sehen, die stark aus ihrer Strukturalität und Materialität heraus spricht. Der Sprecher der Gruppe Ralf Dereich, der private Bindungen zur Max-Reger-Stadt unterhält, spricht dabei auch darüber, dass die Suckstraction eine hellwache Wahrnehmung macht. Da wurden ihm auf Spaziergängen durch den Oberpfälzer Wald die kleinen „abgesoffenen“ Granitstein-Brüche mit ihren mystisch tiefen Wasserspiegeln und ihrer historischen Aura im Raum Flossenbürg ein Erlebnis und inspirierte bei der von Doris Baier hergestellten Einladungskarte zur Verwendung eines Steinbruch-Fotos. Es wurde zum künstlerische Baustoff-Quellen-Bild uminterpretiert. Suckstraktion als Steinbruch, als Begriff des unverbrüchlich Reinen und Elementaren?

Der Begriff Suckstract, unter dem sich die Berliner Gruppe sammelt, ist ein Neologismus, eine Verbindung aus dem hochkulturell klar definierten, unverrückbaren Begriff Abstrakt und aus einem Wort, dem Wort Suck, dessen lautmalerische Qualität allein schon sackt und Unklarheit sagt. Hier kommt kaum ein Gedanken an die geglückte hochkulturelle Sublimation der Triebkräfte auf, wie er uns in der Kern-Kunst der Moderne entgegenzutreten scheint.

Im Gegenteil, Suck klingt nicht sublim, klingt eher vulgär, klingt nach Punk, die Liste der Übersetzungs-Möglichkeiten ist lang und beinhaltet das Säuglings-Saugen ebenso wie Formen erotischer Kommuni-kation, und das steht für ein zwanglos freies Umgehen und lustvolles Erfahrung-Machen mit den formalen Antriebs-Quellen des künstlerischen Ausdrucks.

Abstraktion steht hier längst nicht mehr wie in den 1950er Jahren als Richtungsbegriff gegen eine überholte und gesinnungs-verdächtige Figürlichkeit, sie öffnet sich in den Aktivitäten der ausstellenden Künstler/innen als gemeinschaftlich heuristisches Erfahrungsfeld, in dem keineswegs alle Wege schon zu Ende gegangen sind. Die Geschichte reicht den Stab weiter und löst in den Neukontextualisierungen der Generationen-Folge, im postmodernen Wandel des europäischen Kunstbegriffs und im globalen Kultur-Austausch den Gegensatz von Alt und Neu auf.

Die Ausstellung, die unsere Berliner Gäste im Kunstverein zeigen, ist eine Station einer schon mehrjährig laufenden Ausstellungsreihe, sie stellt ein wesentliches Moment der Abstraktion ins Zentrum, die Reduktion der Darstellung auf die Eigenwertigkeit von Farbe, Form, Struktur und Material, wobei ironische Verweise auf Aura und Kennzeichen des digitalen Zeitalters ihren legitimen Platz erhalten, z.B. wenn das Action Painting auf dem Scanner stattfindet und das abschließende Bildergebnis auf einer Mesh-Plane platziert wird.

Dass die bildnerischen Grundfaktoren unabhängig von ihrem dinghaften Darstellungs-Modus auch Feld-Elemente sind, die im Raum von Physik und Mechanik speziellen psycho-physiologischen Differenz- und Struktur-Gesetzen gehorchen, wird variantenreich vorgeführt und vielfältig zitiert, wenn z.B. eine skulptural erscheinende ungespannte Leinwand an die Gruppe support/surface der 1960er/1970er Jahre denken lässt. Damit wird nicht nur auf die zeitlosen und gleichwohl begrenzten Grundlagen und Rohstoffe des Bildnerischen sondern auch auf Geschichte und Tradition verwiesen, die es dem bildenden Künstler heute wie vor hundert Jahren möglich machen, Kunst als kultur- ästhetische Wissenschaft zu betreiben.

Wenn sich Mitte des 20 Jahrhunderts die Grenzen zwischen künstlerischen Stilen und Darstellungsmitteln aufgelöst haben und das postmoderne Motto Anything goes prinzipiell jede bildnerische Stil – und Ideen – Melange erlaubte, scheint sich seit Kandinskys erster abstrakter Komposition 1911 in regelmäßigen Revivals zu beweisen, dass die Abstraktion bzw die Reduktion ein unauflöslicher Kern ist.

Sie scheint einer inneren, regenerativen Notwendigkeit der Kunstgeschichte zu entspringen und mehr als eine modische Stilhaltung oder ein politisches Symbol zu sein, wie das explizit im Action Painting der Fall war, das die West-Welt-Freiheit mit der Gegenstands-Freiheit gleichsetzte.

Back tot he roots, Wider die Gefühls- und andere Duselei, wie es in einem Artikel der TAZ über Neo Geo 2011 heißt. Dafür stehen mittlerweile etliche Begriffe: Informel, konkrete Kunst, Minimal, Zero, Analytische Malerei, Radikale Malerei, Neo Geo.

... Suckstract, das Label der zehn Junge-Kunst-Vertreter/innen aus Berlin, die auf suckstrakte Art den elementaren Zusammenhang der bildnerischen Mittel in seiner Reinform zum Thema machen, ist in guter Gesellschaft.

Wolfgang Herzer