Susanne Hanus - Die Geschenke meiner Oma

ZEITSPUREN

Reise in die Vergangenheit

Susanne Hanus, Tatjana Utz
Installation, Cross Over

Eröffnung
Freitag 29. Juli 2016, 20 Uhr

Ausstellungsdauer
29. Juli – 11. September 2016

“Zeitspuren – Reisen in die Vergangenheit“ ist kunsthistorisch eine Reise in die 1970er Jahre, in die Ära der documenta 5 und 6 und der neuen grenz-überschreitenden Künste wie die „Individuellen Mythologien“ und die „Spurensicherung“, poiltisch ist es eine Reise in die Zeit des Dritten Reiches, und, was die gegenwärtige Reise-Lust des Kunstvereins anbelangt, ist es ein Kooporations-Projekt des Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg mit den Künstlerinnen Susanne Hanus und Tatjana Utz aus dem Jahr 2014, von dem wir jetzt profitieren. Besten Dank!

Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie (KOG) ist, wie Ihnen sicher bekannt ist, ein Kunst-Museum aus den 1950er Jahren, das sich bis zur Wende 1989 schwerpunktmäßig auf die Sammlung von deutschen Künstler/Innen aus den deutschen Ostgebieten konzentrierte und eine beeindruckende ständige Sammlung hat, die das 19. Und 20 Jahrhundert umfasst. Heute führt das KOG auch Veranstaltungen durch, die sich unter aktuellen Vorzeichen und allgemein umfassender mit der Ost-Thematik befassen.

Zur Ausstellung 2014 ist ein Katalog erschienen.

Der Kunstverein Weiden dankt dem KOG und seiner Leiterin Frau Dr. Agnes Tietze für das freundliche Entgegenkommen, das es uns möglich macht, auch mit unseren wenigen Mitteln dem Weidener Publikum eine herausragende Ausstellung zu präsentieren.




Tatjana Utz

Spurensicherung ist ein künstlerischer Art-Begriff der 1970er Jahre, der zur Gattung der Konzept-Kunst gehört und der den/die Künstler/in mit Methoden ausrüstet wie sie in den Geschichts- und Sozialwissenschaften üblich sind.

Susanne Hanus studierte von 1996 - 2002 an der HdK Berlin, der HfBK Dresden und an der Glasgow School of Art. 2002 - 2004 war sie Meisterschülerin bei Martin Honert an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, 2009 – 2011 studierte sie in München bei Stephan Dillemuth.

Tatjana Utz studierte 2001 – 06 in München bei Sean Scully und Friedhelm Klein, außerdem studierte sie in München englische Philologie, Germanistik, Kunstgeschichte und Kunstpädagogik.

Die Künstlerinnen, beide 1975 geboren und in München wohnhaft, arbeiten in ihrem gemeinsamen Projekt „Reisen in die Vergangenheit – Zeitspuren“, dessen zwei Teile auch getrennt präsentiert werden können, als „Spurensicherer“ in einem Kontext, für den vor allem Namen wie Nikolaus Lang, Christian Boltanski und Jean le Gac richtungsweisend sind.

Diese Künstler befassen sich mit dem Erinnern, Vergessen und Vermuten, sie folgen Spuren gewesenen Daseins und möglichen Bleibens, aus den Fundstücken schaffen sie Schaubilder und Wiederherstellungen dessen, was uns als Manifestation individueller und, oder kollektiver Suche nach menschlicher Identität ansprechen kann.

Alle Spuren menschlicher Existenz werden hier zum Material.

Dabei finden auch ganz unterschiedliche Darstellungsmethoden Verwendung. Bei Hanus und Utz sind es Malerei, Zeichnung, Text, Objekt und Installation.

Die subjektiv spielerische Offenheit, in der man sich mit den besagten Medien des Bildnerischen und der Reflexion dem Forschungs-Gegenstand nähert, hier der eigenen Familien-Geschichte, löst diese Medien aus dem wissenschaftlichen Kontext heraus, aus dem Raum von Definition, Analyse und Statistik, und transportiert sie in den Raum von Empathie, Ahnung und Bild-Haftigkeit.

Wir befinden uns in dieser Ausstellung, in dem von den Künstlerinnen geschaffenen ahnungsvollen Ambiente, in einem betretbaren Bilderbuch. Der/die Besucher/in wird in der verblüffenden optischen Gleichstellung mit den teils lebensgroßen Cut-Out-Portrait-Gemälden zu Illustrationen, die sich selber bewegen, außerdem sind sie bewegt und angetrieben von der Such-Bewegung, die dem Ganzen innewohnt und in den einzelnen Geschichten die ganze Geschichte, die Historie sucht.

Das wissenschaftliche Gerät oder Verfahren wird in der ästhetischen Spiel-Form zum symbolischen Baustoff eines Kunstwerks, zum Stimmungsträger und auratischen Klima-Faktor, und bringt zum Ausdruck, dass auch die Kunst, der Raum vorrationaler Sinnes-Logik und der Emotion, als Antipode zur Wissenschaft eine Rolle in der wissenschaftlichen Wahrnehmung spielt.

Denn quer durch alle Zeiten und Lebensbereiche enthält die Kunst ein besonderes Potenzial, das unabdingbar eng mit allen Formen der Wahrnehmung und der Wahrheitsfrage verbunden ist.

Kunst schärft den Blick und sensibilisiert für Vielheit, Multiperspektivität und die innere Unbegrenztheit der menschlichen Lebens-Welten.

Künstlerische Denk- und Handlungs-Muster stellen damit quasi therapeutische Wege bereit, die helfen, Betriebs-Blindheit zu überwinden und zu umgehen.

Dort, wo in außerkünstlerischen Kontexten Aussagen zu den medien- und methoden-kritischen und epistemologischen Grundfragen der Forschung zu machen sind, ist es auch immer wieder diese Kreativität Ex Nihilo, die neue Möglichkeitsräume schafft, Möglichkeits-Räume, die im Kunstwerk Prinzip sind.

In dieser Offenheit bewegt sich die künstlerische, stark text-gestützte Arbeit von Hanus und Utz, in der die text-bedruckten Tapeten-Bahnen von Tatjana Utz, die den Raum gliedern, auch wie Wand-Teppiche in den Räumen von Fürstenhäusern anmuten können.

Es sind keine Fürstenhäuser, die hier untergegangen sind. Es gibt einen bleibenden Reichtum, die exemplarisch in der Liebe der Oma aus Czernowitz zu ihren Enkelinnen und Enkeln Ausdruck findet, Oma Hanus konnte an keinem Sonderangebot vorbeigehen, ohne ihre schmale Rente in Geschenk-Pakete für die Kinder zu investieren.

Die Installation von Susanne Hanus „Die Geschenke meiner Oma“ kündet davon, das sind das Regal-Lager und die Boden-Lampe am Eingang. Die Beschenkte hat nichts von den Geschenken verbraucht.

In dieser Offenheit und gedanklichen Schwebe ist die künstlerische Arbeit auch mit der besonderen Forschungs-Methode der Oral Historie verwandt, in der Oral Historie ist den Betroffenen und Erinnerungsträgern ein von außen unbeschränkter Freilauf gegeben, es herrschen die Regeln einer Art historischer Tiefen-Psychologie, die der eigene innere Antrieb steuert.

Der Erinnerungsstrom ist nicht interview-technisch eingeschränkt.

Er bleibt der Selbststeuerung des historischen Probanden überlassen; Strukturen und Faktoren der persönlichen Erinnerungs-Arbeit, die in den von außen nicht kanalisierten Sprechakten verborgen sind, gelangen somit in den Fokus der Forschung und der weiterführenden Interpretation.

Auch das Unsagbare und Ungesagte erhalten Kennzeichen, Spur und Raum.

Von Forscherin und Forscher ist eine besondere Hellhörigkeit gefordert, ein Sensorium für die Resonanz-Räume des verbal Unverfügbaren.

Utz und Hanus, beides Jahrgänge, die zur Ausklangphase des deutschen Wirtschaftswunders gehören und mitten in der Anfangs-Zeit der deutschen Vergangenheits-Bewältigung liegen, haben beide Großmütter, die den zweiten Weltkrieg als Jugendliche miterlebt hatten und im Familienkreis darüber sprachen.

Als Mitglieder der deutschen Täter -Nation und Vertriebenen - Generation ist ihr Leben von einer besonderen psychologischen Hypothek belastet.

Weitgehend reguliert das Täter-Opfer-Schema den Diskurs, in dem der lebensgeschichtliche Erzählrahmen abgesteckt ist.

Das Leben zwischen 1933 und 1945 ist historisch abstempelt und die persönliche Innensicht auf das eigene Leben ist nach Adornos Diktum, „es gibt kein richtiges Leben im falschen“, der philosophischen, psychologischen, soziologischen, juristischen, moralischen und politischen Außensicht unterworfen.

Die Enkelinnen und Künstlerinnen beginnen sich für die inneren Resonanz-Räume der Biographien ihrer Großmütter zu interessieren.

Es ist ihnen in ihren Projekten gelungen, ihre Großmütter aus der Ukraine und aus Hessen in den Zeit-Zeugenstand zu holen und darüber hinaus über ganz Europa verstreute und am Ursprungsorten noch lebende Verwandte, Bekannte, Freunde und Nachbarn deutscher, polnischer, rumänischer und ukrainischer Herkunft aufzusuchen und zu ermuntern, nicht nur als Zeugen aufzutreten, viel mehr sollen sie unzensiert von „damals“ erzählen, berichten vom gelebten Leben in ihrer Zeit und Zugehörigkeit, von der Zeit vor dem Krieg bis nach dem Krieg, die heute noch immer tabuisiert ist.

Die Recherche-Ergebnisse, die im subjektiv abgegrenzten Forschungsfeld der Künstlerinnen frei assoziativen Verästelungen nachgehen, finden ihren Niederschlag in bewegenden szenischen und topographischen Zeichnungen, in Portrait - Gemälden nach alten und neuen Fotografien von Interview-Partner/Innen, in Selbst-Erzählungs-Ausdrucken auf gutbürgerlicher Anno-Dazumal-Tapete, in ortsbezogenen Faden-Netzwerk-Skulpturen, die Welt-Verbundenheit bekunden, und Objekt-Ansammlungen, die von einstiger Lebens - und Überlebens-Kunst berichten und gleichermaßen den bescheidenen Kleine-Leute-Luxus der Nachkriegszeit jenseits von Trauma, Schuld und Verlust noch einmal aufglänzen lassen.

Susanne Hanus führte der Weg im September 2008 nach Czernowitz in die Bukowina, Czernowitz, in der K&K-Monarchie das Klein-Wien des Ostens, war vor dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 und den Nazi-Gräueln ein kulturell blühendes Viel-Völker-Gemeinwesen aus Juden, Deutschen, Rumänen, Ukrainern und Polen.

Neuwohnsitz der Umsiedler und Flüchtlinge in der ehemalige DDR, Flucht in den Westen.

Bleiben in Berlin.

Die Künstlerin reiste mit ihrem Vater und dessen Mutter, ihrer Großmutter.

In dieser Reisegruppe, die im künstlerisch – ikonographischen Rahmen das Sinnbild der Generationen-Folge und des Lebenskreislaufs evoziert, waren die Teilnehmerinnen und der Teilnehmer gleichermaßen dokumentarisch tätig.

Sie führten unabhängig voneinander Tagebuch und hielten ihre Gesichtseindrücke und Erinnerungen in Malerei und Zeichnung fest. Die Berichte sind in unterschiedlichen Text-Farben zu lesen: Großmutter = Altrosa, Vater = Schwarz, Enkelin = Türkis.

Das alte Wohnhaus wird gefunden, es kommt zu Kontakten mit den Menschen in Czernowitz, es gibt freundschaftliches Entgegenkommen, auf einer zweiten Reise 2011 alleine vertieft Susanne Hanus ihre Erfahrungen.

Tatjana Utz, in Starnberg zur Welt gekommen, kommt 2007 zu dem Entschluss, die für sie im Laufe ihrer Sozialisation persönlich wichtig gewordenen Erinnerungen der Großmutter aus Hessen, über die sich eine Vielzahl an Ost – und West- Verbindungen auftut, vor dem Vergessen zu bewahren und sich der eigenen Zeitlichkeit zu stellen.

Ja mehr noch. Sie will den Sinn-Rahmen, in den die Geschichten der Großmutter und ihre eigenen Wurzeln führen, konkret und leibhaftig unmittelbar erkunden und im authentischen Zusammenhang kennenlernen.

Spüren, was Geschichte ist, das ist ihr Appell an die eigene Person. Tatjana Utz will diese Geschichte anfassen, die die Hintergrund-Geschichte der eigenen Identität ist, eine Geschichte, die wie in unserer Ausführung bereits dargestellt wurde, eine in sich zerrissene, unheile Geschichte ist, die Geschichte einer beispiellosen Gemeinschaft aus Menschen und Unmenschen.

Reisen nach Breslau, Zary, Polkowice, Danzig, Warschau. Es entsteht ein Selbst-Portrait der jungen Frau aus den Selbst-Zeugnissen der anderen.

Bildnerisch-installatorisch tragende Bedeutung haben dabei die alten Fotografien, die von den Gesprächspartnern hervorgesucht werden, es sind Bilder von unbekannten Kindern und Erwachsenen in Gewändern einer vergangenen Mode. Utz präsentiert sie als teils lebensgroße Cut-Out-Malereien.

Die zeitlos menschliche Gestik der Personen an der Schwelle zwischen Abwehr und Öffnung, zwischen Vertrauen und Argwohn, die ganz natürlich zum fotografischen Doppel-Akt gehört, enthält das Fotografiert-Werden für den abgelichteten Menschen doch die existentiellen Grenzmomente Isolation und Integration gleichermaßen, wird in den Raum-Einrichtungen von Tatjana Utz thematischer Schwerpunkt.

Tatjana Utz überträgt die Fotografien in Malerei, dabei bevorzugt sie einen breiten Pinselduktus, arbeitet mit starkem Hell-Dunkel-Kontrast und entwickelt die Figuren als physiognomische Landschaften mit großen Verschattungs-Zonen und Lichtungen und schafft einen Realismus, der gleichermaßen intim-individuell abgrenzenden und summativ verallgemeinernden Charakter als Projektionsfläche hat.

Diese gezielt organisierte Funktions-Weise der Malerei als Projektions-Fläche und Spiegel, in dem jeder Menschen zu sich finden kann, erhält durch die Cut-Out- Präsentation überwältigende Kraft.

Tatajana Utz schneidet die Personen und zusätzlich Gebrauchs-Gegenstände wie Tassen und Möbel aus alten Tagen aus und präsentiert sie zum Teil in Gleich-Größe mit dem Betrachter, sie präsentiert sie als stehende Flach-Objekte im Raum und als Applikationen an der Wand, so werden sie zu Wegbegleitern der Ausstellungsbesucher/Innen im geschichtlichen Einbildungs-Raum.

Die Grenzen zwischen der malerischen Reflexion, die die Gewesenen in die Gegenwart hereinholt, und der realen Person des Betrachters lösen sich auf.

Zu den Malereien gibt es eine Vielzahl Erinnerungstexte aus der Hand der Zeitzeugen, Zeitgenossen, Mitmenschen und einstigen Nachbarn ihrer Großmutter.

Die Künstlerin betreibt Oral History, verwendet die Ergebnisse aber anders. Diese Blickrichtung ist für die Rezeption wichtig. Hanus und Utz verwenden diese besondere Methode der historischen Forschung, die unmittelbar an der Quelle, dem einzelnen Zeitzeugen, ansetzt, wie bereits ausgeführt, als künstlerischen Baustein.

Die historische Berichterstattung wird unabhängig von ihrem individuell real erlebten Inhalte und unabhängig von ihrer Bedeutung im Zusammenhang der historischen Forschung zum Objekt konzeptioneller Kunst und tritt hierbei auf drei Ebenen auf:

Als Bild von vergangener Wirklichkeit, dem Leben der Großmutter als Jugendliche im Dritten Reich, als Bild gegenwärtiger Wirklichkeit, dem Dialog mit der Kinder- und Enkel-Generation, und als Bild einer umfassenden lebensweltlichen Wirklichkeit, die wir als geistigen Prozess-Raum synchroner und diachroner Vorgänge erleben.

So anrührend und zum Miterleben einladend und fesselnd die Erzähl-Ebene auch ist, die sich im Zusammenhang der Exponate bildet, die eigentliche Gestalt der Arbeit ist auf den besagten Bildebenen gegeben. 

Sie erfüllt sich in der Sinnstiftung durch die bildnerisch-kompositorischen Ausführung und Organisation der Installations-Elemente, die im Zusammenhang eine bewusstseins-erweiternde, spezifisch historische Atmosphäre bilden und durch die das Ganze zum Symbol wird, zum Symbol des Homo Historicus, zum Symbol einer Bewusstseins-Lage, die auf das Leben als instabiles Provisorium und Fragment eingerichtet ist.

Die besonderen Kennzeichen der Sichtweise dieser Bewusstseins-Lage, die in der Arbeit der beiden Künstlerinnen spürbar und als Gestalt wahrnehmbar wird, sind die Medialität und Temporalität von Wirklichkeit überhaupt und das menschliche Verlangen nach Objektivität, Wahrheit und Bleibe.

Die Unerfüllbarkeit dieses Verlangens angesichts der geschichtlichen Weite und der Last ihrer Inhalte schreckt den Homo Historicus paradoxerweise nicht ab, sondern sie mobilisiert ihn zum Trotzdem-Sagen, wie hier geschehen: im Kunst-Machen, das vielleicht aufgrund seines spielerisch schwebenden Wesens die besten Spielräume für diesen Zweck anbietet.

Immer ist es auch ein Beschenkt-Werden und ein Beschenken. 

Wolfgang Herzer