NEUE WELT

Einhundertfünf Geschichten

Ein Fotoprojekt mit Berliner Flüchtlingskindern von Edith Held
In Kooperation Lions-Club Goldene Straße, Die Keramischen e.V., Kunstverein Weiden, galerie auf zeit / Berlin

Doppel-Eröffnung
Freitag 3. März 2017
19:00 Uhr  Kunstverein Weiden 
20:00 Uhr  Internationales Keramik Museum

Ausstellungsdauer
3. März 2017 – 17. April  2017

Geöffnet
Internationales Keramik-Museum
Di - So 10.00 - 12.30, 14.00 - 16.30 Uhr
Kunstverein Weiden  
So 14.00 - 18.00 Uhr
Nach telefonischer Vereinbarung und nach Absprache
Durch das Café Neues Linda Do - Sa von 20.00 - 23.00

Die Flüchtlingsproblematik ist ein Thema, das die ideellen Grundlagen und das Selbstbild Europas als Wertegemeinschaft angreift und dementsprechend ubiquitär behandelt wird. Dazu ist ab dem 3.3.2016 unter dem Titel NEUE WELT eine Foto-Ausstellung in Weiden in der Oberpfalz zu sehen.

Es geht um die, die unter den politischen Verwerfungen besonders leiden, die Flüchtlingskinder. Die hier vorgestellte künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema fällt aus dem Rahmen. Das hat vor allem zwei Gründe: 

Das liegt zum einen an der stillen, aber emphatisch eindringlichen Art der Bilder. Zum anderen liegt das an der Präsentations-Form. Diese geht aus einer großen Kooperation hervor, zu der sich der Lions-Club Goldene Straße, der Förderkreis für das internationale Keramikmuseum vor Ort, die Keramischen, und der Kunstverein Weiden zusammengeschlossen haben. 

Die Ausstellung wird in zwei nachbarschaftlichen Häusern gezeigt, dem Keramik Museum und dem Kunstverein Weiden. Frühe Keramik aus den Wiege-Welt der Europäischen Kultur und der Heimat vieler Flüchtlinge verbindet sich mit der Aura von Gegenwartskunst zur geschichtlichen Zeitgestalt. Dazu kommen die Porträts und Berichte der jungen Zeitzeugen, deren Antlitz sich dank der künstlerischen Leistung dem Betrachter als Tiefen-Spiegel menschlicher Gemeinschaft öffnet. 

Die Kombination der Ausstellungsorte führt den Betrachter in einen geistigen Raum jenseits der Exponate-Werte, wo er an der Seite der Kinder steht und sich mit der Frage nach der humanistischen Dimension unserer kulturellen und geschichtlichen Werte konfrontiert sieht.

Dass dabei das Schöne als ästhetische Kategorie und sittliche Kraft nicht völlig verbraucht ist, sondern auch im Zeitalter der Simulation immer noch eine Chance hat, zeigt die zurückhaltende Ausstellung, die von der Berliner Galerie auf Zeit und ihrem Betreiber Gunter Haedke kuratiert wird, auf beeindruckende Weise.

NEUE WELT ist ein Projekt der Berliner Fotografin Edith Held, das 2014 zum Thema Migration begonnen wurde. Die Künstlerin lässt 105 Flüchtlingskinder erzählen, die auch aus Syrien stammen, dem Geburtsland unserer abendländischen Kultur, wo der Mensch sesshaft wurde. 

Sie hört zu, gewinnt Vertrauen, macht Bilder, kommuniziert auf nonverbale Art, ein Jahr lang, und was dabei mit den Portraits der Kinder entsteht, sind Bilder der unbewussten, entwaffnenden, menschlichen Schönheit, in der wir alle Kinder dieser Erde und miteinander verwandt sind. 


 

Die Eröffnungsrede 3. März - 17. April 2017 - NEUE WELT 

ein Fotoprojekt mit Berliner Flüchtlingskindern von Edith Held

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie alle, die etwas in die Jahre gekommen sind, kennen wahrscheinlich dieses Gefühl, umringt zu sein von den Kleinen, und die kleinen und die großen Herzen eilen einander spontan entgegen, in diese emotionale und universell soziale Situation hineingestellt erlebt sich der Betrachter der Ausstellung „Neue Welt“, die wir heute eröffnen. 

Die Bilder stammen aus 15 Berliner Flüchtlingsheimen, in denen Menschen aus den aktuellen globalen Krisen-Herden eine vorläufige Bleibe gefunden haben. Die Flüchtlingsproblematik, die hier auf künstlerische Art reflektiert wird, ist ein Thema, das die ideellen Grundla-gen und das Selbstbild Europas als Wertegemeinschaft schmerzhaft angreift und das dementsprechend ubiquitär behandelt wird, nicht nur in der Politik. In der Ausstellung NEUE WELT geht es um die, die unter den politischen Verwerfungen besonders leiden, die Kinder. 

Denen, die es möglich gemacht haben, dass wir diese Ausstellung in Weiden zeigen können, möchte ich hier danken, dazu eine knappe Skizze der verschiedenen Aktivitäten, die hier zusammen wirksam wurden:

Die Einzelbilder formen sich zum Fries, zur Bilderfolge eines Gesprächskreises. Der Fries, der mit rund 60 anmutigen und, sympathischen Porträts von Kindern und Jugendlichen diese Situation herstellt und die Herzen öffnet und nichts von den dort verborgenen Traumata ahnen lässt, ist eine Arbeit der renommierten Berliner Fotografin Edit Held, die 2014 zum Thema Migration begonnen wurde. Die Künstlerin lässt 105 Flüchtlingskinder erzählen, die auch aus Syrien stammen, dem Geburtsland unserer abendländischen Kultur, wo der Mensch sesshaft wurde. 

Dieses bemerkenswerte Stück Fotokunst, diese Nah-Aufnahmen, die uns menschliche Nähe nahebringen, uns in einen interkulturellen, nonverbalen Dialog einbinden, Augenkontakt herstellen, der entwaffnet und gefangen nimmt, geht auf eine Initiative des Berliner Galeristen Gunter Haedke zurück, der eine ambulante Galerie betreibt, die galerie auf zeit, die keine festen Räume hat, sondern Kunsträume für besondere Orte findet, dort wo Kunst vielleicht nottut, wo Kunst funktioniert. Mit seinem Mitarbeiter Gerhard Gräter wird dann vor Ort professionelle Hängearbeit geleistet. Wie hier in den letzten zwei Tagen geschehen. Und nicht zuletzt ist „Neue Welt“ ein Beispiel geglückter Netzwerkarbeit, die innerhalb der Weidner Stadtgesellschaft durch die Kooperation von Lionsclub Goldene Straße, die Keramischen und den Kunstverein Weiden den Sinnspruch wahrmacht, dass die Stärke in der Gemeinsamkeit, in der Bündelung der Kräfte liegt. So ist im Raum Vorstadt und Scheibe, wo wir uns gerade befinden, eine Art temporäres Weidner Museums-Viertel entstanden. 

Im Fall des KV bewahrheitet sich der genannte Sinnspruch zum dritten Mal in Verbindung mit dem Kunstverein Bamberg. 2012 wurde uns dort die Gruppe Bluemerant empfohlen, die 2013 das Weidener Großprojekt Vereint entwickelt hat, 2016 habe ich dort Gunter Haedke kennengelernt. 

Der Bilderfries der Ausstellung sprengt den Rahmen einer gewöhnlichen Ausstellung und schließt umso inniger zusammen. 

Er verbindet die Räume des Kunstvereins mit den atmosphärisch entrückenden Räumen im Keramikmuseum jenseits der Straße. Frühe Keramik aus der Wiege-Welt der Europäischen Kultur und der Heimat vieler Flüchtlinge verbindet sich mit der Aura von Gegenwartskunst zur geschichtlichen Zeitgestalt.

Die Kombination der Ausstellungsorte führt den Betrachter darüber hinaus in einen geistigen Raum jenseits der Exponate-Werte, wo er an der Seite der Kinder steht und sich mit der Frage nach der humanistischen Dimension unserer kulturellen und geschichtlichen Werte und ihrer Transformation in die Praxis konfrontiert sieht. Die stille, aber emphatisch eindringliche Art der Bilder bringt uns mit den Kleinen auf Augenhöhe und macht uns zu einer großen Familie, der Vater dieser Familie aber, der Ursprung dieses Zusammenkommens ist in Abwandelung eines Wortes von Heraklit der Krieg. 

Davon wird auf den Textblättern unter den Bildern berichtet, die Kinder erzählen in einfachen Worten ihre Geschichte, die auch die Geschichte ist, aus der die Menschheit offenbar nichts lernen will. Doch in der Verbindung der künstlerischen Porträts mit den Berichten der jungen Zeitzeugen, deren Antlitz sich dem Betrachter als Tiefen-Spiegel menschlicher Gemeinschaft öffnet, bildet sich etwas, das diesem Fatalismus widerspricht und uns in die Pflicht nimmt. 

Dass dabei das Schöne als ästhetische Kategorie und sittliche Kraft nicht völlig verbraucht ist, sondern auch im Zeitalter der Simulation immer noch eine Chance hat, ist die Leistung von Edit Held.

Sie hört zu, gewinnt Vertrauen, macht Bilder, kommuniziert auf vorsprachliche Art, ein Jahr lang, wählt aus dem Foto-Material aus, ordnet die Bilder im Fries zu einem kommunikativen Miteinander, der Fries verbindet bei uns getrennte Räume und durchläuft diese wie eine Pegelmarkierung, und was dabei mit den Portraits der Kinder und ihrer Anordnung im Gestus von Weltoffenheit und Zuwendung entsteht, sind In-Bilder der unbewussten, entwaffnenden, menschlichen Schönheit, in der wir alle Kinder dieser Erde und miteinander verwandt sind. 

Wolfgang Herzer


Rede zur Finissage 17.04.2017

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

heute endet die Ausstellung NEUE WELT, die Ausstellung, die 105 Geschichten von Flüchtlingskindern erzählt, auf den kulturellen Resonanzböden von Gegenwartskunst und Historie. 

Und ich möchte Ihnen für Ihr Kommen danken, ich möchte mich bei den Weidener Mit-Veranstaltern, Die Keramischen und dem Lions-Club Goldene Strasse, für die gute, inspirierende Zusammenarbeit bedanken, ein ganz besonderes Dankeschön geht an Gunter Haedke, den Berliner Galeristen, und an die Berliner Künstlerin Edith Held. Natürlich auch besten Dank der Hausherrin hier, Frau Stefanie Dietz, die den keramischen und porzellanenen Reichtum in dem baulichen Weidener Kleinod, dem Waldsassener Kasten, pflegt und hütet. 

Und vielleicht geht es Ihnen wie mir, unterschwellig bin ich sehr dankbar, dass es uns Deutschen und Europäern angesichts der globalen Katastrophen vergleichsweise gut, ja bestens geht, aber dabei kann ich nicht verhehlen, dass ich Angst habe. Hochachtung vor den Mutigen!

Dass die Finissage im Rahmen von Kinder- und Osteraktivitäten im internationalen Keramikmuseum geschieht, unter Optimismus- und Hoffnungs-Zeichen der christlichen Vorstellungswelt, den Zeichen der Auferstehung, und den Hinweisen auf die Momente von Kindheit und Kunsthistorie passt wunderbar zum Ausstellungsinhalt und lässt sich wie eine Bilanz lesen, die auf die Frage antworten soll: Haben wir mit der Ausstellung unsere Ziele erreicht.

Ausstellungsergebnisse bemessen sich in der Norm nach den Besucherzahlen, vom Kollegen Thomas habe ich da die Zahl von 4 bis 500 Besucherinnen und Besuchern im Museum erfahren, das ist nicht schlecht, im Kunstverein kommen insgesamt vielleicht noch einmal 250 Personen dazu, ob das große Erfolge sind, ist Ansichtssache, und das Numerische bleibt in jedem Fall nur die halbe Sache, wenn man nicht weiß, wie die Ausstellung rezipiert wurde und was der Besucher als Multiplikator mit hinausgenommen und in die Welt getragen hat.

Darauf aber haben wir einige Hinweise erhalten, in diesem Zusammenhang habe ich bezeichnende Erlebnisse gehabt. 

Als mir Gunter Haedke diese Ausstellung anbot bei einer Veranstaltung des Bamberger Kunstvereins, wurde ich zu meiner Entscheidung veranlasst nicht nur durch dem Umstand, dass hier ein aktuelles Thema mit überzeugender künstlerischer Ästhetik realisiert worden war, sondern dass man es hier auch mit einer Schnittstelle zu tun hatte, die nach einer größeren Allianz verlangte und dabei das Zeug dazu hatte, dem im Großen immer wieder so dringenden Gemeinschaftsgeist im modellhaft Kleinen Gestalt zu geben. An dieser Schnittstelle aus Kunst, Kultur und Sozialem dockten dann die drei oben genannten Weidener Vereinigungen an.

Es ist dabei ein ästhetisches und intellektuelles Vergnügen mit den Exponaten vor Ort ein so weit gefächertes Werk wie das der Fotografin Edith Held zu kommunizieren, manche werden einen Blick ins Internet getan haben und wahrgenommen haben, dass sich in der Arbeit von Frau Held ganz unterschiedliche Berufsfelder des Künstlerischen vereinen, die schon von sich aus Zeitgeist-Symbole sind und gleichermaßen die alten klassischen Wertbestimmungs-Kategorien, die für ein Kunstwerk relevant sind, fokussieren.

Damit ist gemeint: Das Schöne, Wahre, und Gute. An der griechischen Wiege unserer europäischen Kultur hat Plato diese Ideen als Lenk-Leit- und Bildungs-Normen für die Kunst und das richtige Leben aufgestellt. Als Mode - und Casting-Fotografin, als Künstlerin mit einem eigenen freien Themenrahmen und einer Auftragskunst, die z.B. in Stern-Titelbildern ihre Anwendung gefunden hat, hat sie auf eine geradezu explizit thematische Art damit zu tun.

Mich hatte die Schönheit der Portraits angesprochen und gefangen genommen, die Idee, sich von Kindergesichtern auf Augenhöhe umringen zu lassen, hat mich berührt und überzeugt, auf den Chock, den die Texte und vor allem das Substantiv „Schlauchboot“ ausgelöst haben, war ich nicht gefasst.

Doch das gefahrvolle Schicksal, von dem wir in den Texten lesen, spiegelt sich bereits versteckt, fast unsichtbar in Augenhintergrund und Körpertonus der Kinder

Kann das wahr sein! Es ist wahr! Die Nähe mit den Ereignissen, die Vermischung von klassischer Schönheit, die soviel verspricht, die Ausdruck des idealen, des anzustrebenden Lebens ist, ihre Mischung mit dem Entsetzlichen, erzeugte Brandlöcher im Herzen. 

Haben wir mit der Ausstellung unsere Ziele, die nicht numerischen, qualitativen Ziele erreicht?

Ich wohne im Stockwerk über dem Ausstellungsraum des Kunstvereins, das Lokal Neues Linda macht es möglich das einzige Museum mit Nachtöffnungszeiten zu betreiben, und wenn ich aus meinem Fenster sah, konnte ich sehen, wie gegen Mitternacht Menschen aus der Kneipe heraufkamen, sich durch den hell erleuchteten Raum bewegten und in Betrachtung und Lektüre verweilten. 

Es war immer wieder auffallend, dass an den Sonntagen die Besucher, die zielstrebig beschwingt und im heiteren Gespräch in unserer Kneipe ankamen und dann die Treppe nach oben in unsere Ausstellungsräume weitergingen, erst nach langer Zeit, oft nach einer Stunde erst zurückkamen und still und gesammelt das Haus verließen.

Ort der Meditation, der Reflexion, der Näherung, der Möglichkeit authentisch seinen Standort zu finden jenseits der eingefahrenen Denkschablonen und Wahrnehmungsmuster, Ort der Kraft, Dämme gegen die Reizüberflutung.

Wir hatten außerdem Veranstaltungen mit Greenpeace Weiden, mit der Gruppe Asyl-Ehrenamt der Diakonie und der Berufsschule Weiden.

Besonders dankbar bin ich für das Erlebnis mit Schülerinnen und Schülern aus der Weidener Berufsschule, es war eine Klasse mit der speziellen Fachausrichtung Sprachen, die sich längere Zeit vorher angemeldet hatte, und als der Ausstellungsraum voller und voller wurde, stellte sich heraus, dass ein Großteil der Schülerinnen und Schüler selber Flüchtlinge waren und so aussahen wie die Konterfeis auf den Fotografien: 

Der Schnitt der Gesichter, die dunkle Haut, die das Alltagsbild in den deutschen Straßen verändern und dabei entstehen nicht selten Anmutung und Illusion von Urlaubsbildern aus den globalen All-Inclusiv-Regionen. 

Plötzlich hatten sich die statischen Brustportraits in selbstbewegte Ganzkörper-Portraits erweitert, aus den Standbildern des Spielfilms „Leben“ waren reale junge Frauen und Männer geworden, der Sprache nach, die sie sprachen, Deutsche, und dem Bewusstseins-Horizont nach, den ich im Gespräch mit den Jugendlichen nach meinem Einführungsvortrag kennenlernen durfte, Europäer in einem besonderen Sinn: tatsächlich, die Jugendlichen umringten mich, es war, als hätten sie die Bilder an der Wand verlassen, und begannen mit mir eine Diskussion über politische Fragen und insbesondere über Fragen der Asyl- und Ausländer-Politik. Vernünftig, erwachsen, aufrecht, Distanz wahrend, sympathisch.

Es war die Übersetzung der Fotografien, ins lebendige 3D, aus der gefühlten Nähe wurde reale Nähe, wurde Mauerfall, wurde eine Intensiv-Übung in interkultureller und zwischenmenschlicher Begegnung, wurde Berührung im Sinn von Identität mit der demokratischen und humanitären Verfassung Europas und Deutschlands und der ganzen freiheitlichen Welt.

Und so, wie John F Kennedy in seiner bewegenden Rede 1963 an der Berliner Mauer gesagt hat: „Ich bin ein Berliner“ stand über den Köpfen aller Beteiligten in unserem gut besuchten Ausstellungsraum eine Spruchblase mit der Inschrift“ Ich bin eine Deutsche, ich bin ein Deutscher“. 

Kann mich nicht erinnern, dass es mir jemals mehr Spaß gemacht hat, Deutscher zu sein, als in diesem Augenblick.

Wolfgang Herzer