PASST XII

ES WAAR EINMAL

Mitgliederausstellung vom
Kunstverein Weiden e.V.

Eröffnung
Freitag 1. Dezember 2017, 20 Uhr

Ausstellungsdauer
1. Dezember 2017 – 14. Januar 2018

Geöffnet
So 14 – 18 Uhr, Do bis Sa 21 – 24 Uhr
Eingang durch das Vereins-Lokal Neues Linda

Tag der offenen Tür
So 17. Dezember 2017 (3. Advent)
Kaffee und Kuchen (Spenden erwünscht)

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde der Kunst und des kreativen Lebens,

es „PASST“ zum 12. Mal, wenn Ihr so frei seid. Juryfrei wie auch die Jahre zuvor. Ihr seid herzlich dazu eingeladen, und wenn Ihr Euch dieses Jahr wieder an der Mitglieder-Ausstellung im Kunstverein beteiligen könntet, ja, wenn auch nach 12 Jahren die Uhr noch nicht 13 schlagen würde, wäre das wunderbar. PASST war von Anfang an eine Einrichtung, in der Wort- und Gedanken-Spiele Programm waren und Kunst und Humor gut zusammengepasst haben, als Momente der Lebenskunst, die ja mit dem Alter spürbar wesentlicher werden. Unsere Jahre mit dem PASST-Programm verweisen da im Rückblick auf eine gute Tradition. PASST hat immer auch die Möglichkeit geboten, sich unter dem Signum künstlerischer Weltsicht mit Menschen wiederzusehen, die das begriffen hatten. In der Verschiedenheit der Auffassungen war man sich auf angenehm unterschiedliche Art gleich. Da denke ich mit Wehmut an Gerda und Josef Gillitzer, die in diesem Jahr nicht mehr dabei sein werden, im heiteren Gedächtnis des KV bleiben sie anwesend.

Für 2017 schlagen wir ich folgendes Thema vor: „ES WAAR EINMAL“. Rein klanglich haben wir es hier mit dem klassischen Märchen-Intro zu tun, das uns jede Darstellung erlaubt, von Hänsel und Gretel bis zu Selbstfabuliertem und abstraktem Farb-Urknall passt alles. Bei genauer Betrachtung mit dem geschulten Blick des Oberpfälzers aber erkennen wir auch etwas Regional-Spezifisches, das WAA, das Zeichen der Wiederaufbereitungsanlage für atomare Brennstäbe, die in Wackersdorf nahe Weiden in den 1980er Jahren gebaut werden sollte. Das Märchenhafte daran ist, dass viele tapfere Schneiderleins unserer Region dies verhindert und einen Stoff für eine Geschichte mit Happy End geschaffen haben. Eigentlich gehört der Stoff in den Heimatkunde-Unterricht an unseren Schulen. Illustriert von Euren Kunstwerken, begleitet von den Zeichen künstlerischer Freiheit. Ich komme darauf, weil gerade die Dreharbeiten zum Spielfilm „Wackersdorf“ laufen, von jungen Oberpfälzer Filmleuten in Gang gebracht, die in den WAA-Tagen Kinder und Jugendliche waren, ich habe sie vor kurzem kennengelernt. Heute, in der Münchener Filmwelt angekommen, lässt sie das Thema von Gestern nicht los, das Thema ihrer örtlichen Heimat und ihrer mentalen Herkunft. Und, ist da die Meinung, was hätten man doch damals für ein Glück gehabt, alle zusammen, ein Gemeinsames wäre das, das jetzt schon zwei Generationen verbinden würde und über das man sprechen sollte. Dem schließe ich mich gerne an. Ich denke, „es waar einmal“ passt gut in die Zeit.

Wir wünschen viel Freude und Kreativität! 

Mit besten Grüßen 

i.A. Wolfgang Herzer







Eröffnungsrede

Es waar einmal.
Es war einmal.

Welcher der beiden Sätze ist es, der uns nicht nur allgemein in die Märchenwelt entführt, sondern speziell nach Wackersdorf, zum Bau eines nuklearen Ingenieurs-Palastes, der WAA, unserem regionalen Super-Event der näheren Zeitgeschichte, hin zu den Märchen, die vom unerschöpflichen Energie-Fluss qua Kernspaltung erzählen? Prinz und Prinzessin haben drei Prüfungen zu bestehen. Selbst Ernst Bloch, der große kritische Denker, der das Prinzip Hoffnung dachte, glaubte daran.

Die zwei A im Worte WAR hört man nicht. So ist das mit vielen Zwischentönen. Man muss den Unterschied sehen, aber da gibt es das Übersehen. Unsere zerebrale Struktur hat nämlich eine Korrektur-Einrichtung, die alle Dinge im Sinne der Ökonomie klarer Muster begradigt und die Muster-Abweichungen, die Verirrungen wegradiert. So überlesen wir unsere Schreibfehler, unsere Denkfehler natürlich auch, ganz zu schweigen von unseren Lebens-Fehlern. Man sollte mehr auf Zwischentöne achten. Zeugen haben es schwer.

Fehler gibt es wie Sand am Meer, das gehört zum Leben, was soll der Stress?! Wie schön ist es im warmen Sand zu liegen!

Wackersdorf war ein Fehler.

Vor 30 Jahren wurde der Bau der WAA, der Atomanlage, die den Charakter der Region grundlegend verändert hätte, abgebrochen. Gottseidank, sagen heute viele. In dem Sinne wurde erst jüngst wieder der Region gratuliert, wir vom Kunstverein wurden dabei als Themen-Geber bestärkt, das war im Zuge unserer öffentlichen Förderung durch ein Weidner Geldinstitut. Damals hielten viele die WAA für den Goldtopf am Ende des Regenbogens. Die Rainbow-Warrior sahen das anders. Es gibt zwei „Es war einmal“, das ist einmal das reguläre Märchen-Intro und dann das Intro zu seiner Persiflage: Es war einmal und ist nicht mehr ein ausgestopfter Teddybär, er trank den Wein, er aß sein Brot, doch eines Tages war er tot.

Wackersdorf ist nie geworden, und doch ist etwas Dauerhaftes geblieben, das sich in dem Begriff Wackersdorf verkörpert.

Da ist ein Raum entstanden, den das verhängnisvoll Menschliche, das Irren geschaffen hat, in dem aus Mitmenschen Gegner und Feinde wurden. In diesem Raum irrt dieses Irren bis heute umher, ohne den Ausgang zu finden. Wir wollen heute Ausgang-Finden vorspielen.

Es ist eine lange Geschichte, es sind viele Geschichten, auch die Technikgeschichte. Ich will es angemessen kurz machen, nur kurz die geistigen Wurzeln und Verästelungen anrühren, anschlagen wie die Klangtasten eines Musikinstruments, soweit, wie sie in thematischer Verbindung mit unseren Exponaten stehen könnten, und ihrem Vibrieren durch die Zeit nachgehen. Man irrt sich immer, Odysseus sind wir alle, wehe uns, wenn sich die individuellen Irrtümer auf einer Wellenlänge finden, sich akkumulieren, sich aneinander entzünden. Was kann einem schon beim Kunstmachen, beim Vorspielen passieren, da kann man nach Herzenslust Kerne spalten, meist jedenfalls, oder irren wir uns, spalten wir Haare, wie unfein!.

Es gibt viele Kategorien des Irrtums. Den destruktiven, den konstruktiven, den produktiven, die Enttäuschung und die Beglückung sind zwei ihrer Kinder.

Wer kennt sie nicht, die Romane von Jules Verne, wer kennt nicht die Euphorie, in die ihre Lektüre den Knaben des 20 Jahrhunderts versetzt hat, er hat sich die Ohren heiß gelesen, er wollte dann auch in 80 Tagen um die Welt, zum Mond mit dem Dampfer übers Meer, mit dem U-Boot Nautilus unters Meer, mit Atom-Antrieb selbstverständlich, alles war messbar, planbar, machbar, alles jagte auf dem einzig logischen Weg der Elektrifizierung dahin, alles bewegte sich mit Hochgeschwindigkeit in Richtung irdisches Paradies aus dem Geiste der Technik.

Anderenfalls müssten wir heute die Glühwürmchen bitten unseren Ausstellungsraum zu dieser Stunde zu illuminieren. Die Leuchtstoffröhren haben wir schon seit bald 20 Jahren. Vor 10 bis 15 Jahren hätten sich im Licht dieser Leuchtkörper auf diese Frage nach dem literarischen Hit vergangener Tage hin wahrscheinlich viele gemeldet, die Menschheitsträume europäisch rationalistischer Provenienz und das Moderne Konzept des Immerschneller, Immerbesser, Immermehr genossen ein unangekratztes Ansehen als globales Credo, doch das war nur Lack, eine Illusion, der Ost- und West-Block, die beiden politischen Systeme, die in der Zeit des Kalten Krieges konkurrierten, gleichermaßen auf den Leim gingen.

Heute bleibt die Meldehand unten, die Freiheitsstatue mit ihrer gestreckten Fackelhand am Eingang des New Yorker Hafens ist ideell zum Wachturm mutiert und Europa ist eine Festung geworden.

Betrachten wir unsere Einrichtungen, die heute im Rahmen unserer Mitglieder-Ausstellung bestückt ist, als einen Irrtums- Error-Reaktor für den Hausgebrauch, für dessen Betrieb rund 30 Personen mit rund 70 Exponaten für Prozess-Wärme sorgen, und bleiben wir damit in der Vorstellungswelt des hier verhinderten und zum Kunst-Anlass gewordenen Irrtums. Vielleicht lässt sich aus den alten Dingen im jungen Heute noch etwas lernen. Eines wissen wir schon:

"Wir wissen alle“, so Picasso“, dass Kunst nicht Wahrheit ist. Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt, wenigstens die Wahrheit, die wir als Menschen begreifen können“. Kunst ist kultivierter Irrtum. Die Wahrheit ist, dass nicht wir die Dinge im Griff haben, sondern, dass es umgekehrt ist, uns haben die Dinge im Griff. Z.B. This Thing Called Love. Und: Die Wahrheit von Fukushima.

Nun folgt eine Besichtigung des Error-Reaktors, der Stätte des kultivierten Irrtums.

Wenn wir die Kühl-, Füll und Hinunter-Spül-Einrichtung im Erdgeschoß durchquert haben, betreten wir hinter einer unzerbrechlichen Glastür den gefährlich gelben Raum, die Schleuse, wo uns Rosemarie Hys Arbeit „Waahnsinn“ empfängt, eine Zeile, ein Schlagbaum im Weiß-Rot der Straßenbau-Absperrungs -Bänder, die Sicherheit in der Unsicherheit signalisieren, dazu die kleinen Einzelformate, die die Quadrat-Ordnung beschwören, aber dann auch die Assoziation nicht ganz außen vorlassen, dass hier dem sogenannten Fortschritt ein Blutopfer dargebracht werden soll. Doch die Bild-Bedeutung ist ambivalent : Fesselung oder Entfesselung der Naturkräfte, Macht oder Ohnmacht.

Fritz Thiem geht in seiner ungerahmten, den Material-Eigenschaften, sprich der Welligkeit des Papiers folgenden Plan-Zeichnung die Vorstellung einer hermetischen Welt im Stahlbeton - Containment direkt und von innen her an. Es ist dabei im Licht des ironischen Zitronengelb und der Prophezeiung des Mühlhiasl nicht zu unterscheiden, ob die Konstruktions-Ideen zum Thema Kernspaltung aus der Prinzhornsammlung stammen oder aus einem Siemens-Konstruktions-Büro.

Wichtig ist für das Error-Reaktor-Management, wie sich der Wahrheitsanteil der Irrtumsdinge potenzieren und zur Verpackung verarbeiten lässt, ihr Glanz soll helfen das beinhaltete Gut in die allgemeinen Harmonie-Vorstellungen einer heilen oder besseren Welt einzufügen.

Da ist man bei Alfred Hertrich, dem Mitgründer des Weidner Jazzzirkel 1975, dessen quadrat-orientierten Jazz-Plakate eine visuelle Institution des künstlerischen Purismus sind, an der falschen Adresse und, eh man sich`s versieht, auch schon wieder an der richtigen Adresse, Jazz ist die Antithese zur Begradigungs-Kultur überhaupt, drei Götter des Jazz-Olymps werden vorgestellt: Carla Bley, John Coltrane, Miles Davis.

Und sie grüßen Reiner Zittas Holzbengel-Engel aus der alten Mühle beim fränkischen Pühlheim, wo auf Wunsch des KV zwei Dutzend auf die Schnelle hergestellt wurden, Reiner Zitta, Künstler mit magisch archaischem Gestus, war der erste Wirt der Nürnberger Gregor-Samsa-Künstler-Kneipe in den 1960er Jahren, er, der viel im Religions-Kontext als Kind erleiden musste, und seine Frau wissen, was Gäste in der Kneipe und auf Erden überhaupt brauchen: echte Engel.

Folgen Sie uns um die Ecke zwischen Heizkörper und grauer Feuerschutztüre, Vorsicht Stufen, hier haben wir wieder unmittelbaren Tageslicht-Kontakt. Vorraum zum Hauptraum. Die Zwischenwand ist eigentlich eine Bauruine, sie sollte schon vor Jahren, nachdem sie ihren speziellen Ausstellungsdienst geleistet hatte, entfernt werden. Es hat eben nicht alles unbedingt seine Zeit.

Darum geht es auch bei den Exponaten, die aus Rocco Nuccios schwungvoller Hand stammen und in fetziger Malmanier das Unterwegssein thematisieren, als Punk, das ist vom Freiheitsgesichtspunkt aus betrachtet nicht weit entfernt vom Jazz im Gelben Raum, und vom Glücksfaktor aus betrachtet reicht dabei etwas Kleingeld, um die Sahara zu bewässern und schon in einer Blume das ganze Paradies zu sehen.

Plutonium, eines der wesentlichen WAA-Produkte, das wir in unseren Schaufenstern hätten anbieten können, hat eine Halbwertszeit von 24 000 Jahren. Vor diesem Zeithorizont erhalten Claudia Kneidls feine und kleine Objekte einen besonderen Reiz, hier spricht die Symbolik der Brenndauer von Streichhölzern, die sich zu Bergen schichten, auf denen Streichholzschachtel-Gebäude stehen, die der Aufschrift nach die Geschichten von Vergangenem enthalten, außerdem steht da der Umwelt-Wecker, der schon vor Jahrzehnten diese Zeitansage und dieses Weckgeklingel von sich gibt: 5 vor 12, 5 vor 12, 5 vor 12, 5 vor 12.

Ja, wie die Zeit vergeht, Rosemarie Hys Fotografie von dem alljährlichen Cousinen-Treffen in ihrer Familie, mit Großmutter im Vordergrund, macht die Bewegung zum verkohlten Streichholzköpfchen deutlich, aber im Verbrennungslicht des Lebens wird auch so manches sichtbar, das man auf andere Weise nicht zu sehen bekommen würde.

Wie sich die Bilder gleichen, wenn wir dem Blick in die Tiefe, hin zum versunkenen Vineta folgen, sehen wir es. In der Tiefe eines jeden Lebens werden die Märchen von 1001 Nacht, die Bärbel Hornung in der betörenden Kurvigkeit ihrer Lineamente im Bild nacherzählt, neu erzählt und zum Hafen für alle Sindbad-Frauen und Männer dieser Welt.

Doch um dahin zu gelangen, müssen wir unsere Herzen öffnen, den Safe, in dem das Wertvollste steckt, es hat eine Halbwertszeit, die selbst Plutonium in den Schatten stellt, ein Teil der Arbeit von Joachim Pfützenreuther, liebevoll von ihm illustrierte Märchen von Hermann Hesse, ist, wie Sie sehen können, in einem unserer Spezial-Panzer-Schränke aufbewahrt. Werden Sie zum Panzerknacker, Rauben Sie das Wertvollste!

Im Folgeraum stoßen wir wieder auf Pfützenreuther und Hesse und WA Hansbauer dazu, der das Betörende von Hornung gemessen an den Weidener Verhältnissen auf die Spitze treibt. Unter dem Motto „Nur die Sünde kann uns retten“ wird die Weidner Fußgängerzone eine Wiese und die Natur-Schönheit in weiblicher Form bewegt sich dort graziös im Stile des Große-Kunst-Klassikers der „Badenden“ und des Jungbrunnens. Das kleine Bild wurde am Computer hergestellt, schaut wie echt aus, macht unserem Error-Reaktor alle Ehre.

Dass die Schönheit eine Maske sein kann, die uns vergessen macht, auf die Zwischentöne zu achten und uns im lockenden Schnurren den Sirenengesang überhören lässt, davor warnt uns Olena Volodarskas Schauermärchen mit sauber abgenagten Gebeinen, stellen Sie sich vor, die Wesen, die Hansbauers Weiden-Wiese beleben, wären in Wirklichkeit Kröten, unter der bezaubernden Larve fleischfressende Mutationen. Ja, bei der Kunst weiß man eben nie, Error gehört zum System. Schauen Sie aus dem Fenster, es schneit.

Neben Volodarskas schrecklichem Bild, dem Bild der Super-Gau-Kröte, die Malereien von Maya und Stella, den Kindern, mit denen wir uns ganz besonders freuen, dass Tschernobyl so weit weg ist und Wackersdorf nicht gebaut wurde, die beiden Mädchen zeigen, dass Angst haben nicht gilt, sie bauen neue Häuser, erhalten die Burgen der Vergangenheit und lassen die Sterne leuchten.

Auf der Zwischenwand zwischen Eingang und Hauptraum, zu der wir jetzt gelangen, sehen wir eine Wandinstallation, eine Manifestation der Farbe und des Licht-Absorbers Schwarz, von Axel T Schmidt, die wie alle seine künstlerischen Aktivitäten unter dem Label „Die Herde“ präsentiert wird. Gemeint könnte sein die Zustandsform von Individuen bzw Einzelheiten, die durch einen geheimen Attraktor oder Impulsgeber zu einer Ganzheit zusammengeschlossen werden. Eine Kettenreaktion anderer Art. Eine Einheit aus Leuchtkasten auf Hängeboard und in gleicher Größe und Höhe daneben eine graphische Flacharbeit, die die Kasten-Vorderseite, ein fugenloses Nebeneinander von 41 Filmstreifen, als Graphit-Stift Frottage wiedergibt. Die Filmstreifen zeigen eine einzelne Figur, ihre Bewegung ist in eine endlose Sequenz zergliedert, Gehzeit wird zur Stehzeit. Das Filmmaterial, wie es hier vorliegt, war vorher durch die Leuchtlicht-Hitze des Projektors überhitzt und verändert worden, wie es bei einem Bewegungsstopp häufig geschieht, die chaotischen Strukturen, die sich dabei gebildet haben, bleiben dem Bild-System und unserem Error-Reaktor gegenüber ein Ausrutscher. Anders bei der Flacharbeit: hier erhalten die Veränderungen, die ein Stromfluss quer durch die Graphitschicht des Bildes bewirkt hat, eine bildbestimmende Größe und Qualität. Die Form, die der Gau im Bild hervorruft, hat florales Aussehen.

Auf die Arbeiten von Pfützenreuther und Hansbauer sind wir bereits eingegangen, die mittel - bis großformatigen Bilder von Marille Singer, die daran anschließen, blicken nach Osten, dem Sonnenaufgang entgegen, ihre roten Flächen sind Spiegel des elementaren Naturgeschehens, das den Rahmen aller Lebensvorgänge bildet, hier figuriert durch Herden & Schaaren, die nicht näher definierte Vögel und Vierbeiner bilden, ihr Beisammensein wird zum Schutzraum, platziert sind sie in Fenstern-Rechtecken, die gegenüber einem ort- und horizontlosen, einem ausgesprochen körperhaften Rot fassbare Nähe anzeigen.

Die lichte, hochformatige Arbeit „ Im Gespräch“ kombiniert das Schema einer dreiteiligen stehenden Figuren-Gruppe, mit Umriss-Andeutungen qua Grattage und weißer Farbfläche zwischen autonomer Form und Figur. Da wird etwas geklärt, erklärt, verklärt, vielleicht sind es die Peripathetiker des Philosophen Aristoteles, die im Gehen und Sprechen gedacht und das undenkbar Ferne in eine begreifbare Nähe gebracht haben, die heute noch verbindlich ist.

Die lange Wand, die gegenüber der kleineren Spül-,Kühl- und Füllstation im Gebäude des Error-Reaktors liegt, gibt über das große Panorama-Bild, das wir uns beim Museum Max Bresele ausgeborgt haben, Einblick in einen regional bedeutenden Error Reaktor, den es heute nicht mehr gibt. Es ist die Behausung von Max Bresele.

Sie führt uns in die 1980er Jahre, als die ganze Oberpfalz gezwungen war, unter der Drohung, dass ihr eine ungewollte atomare Zukunft aufoktruiert wird, im Sinne einer konkreten Utopie zu denken und zu zeigen und davon zu überzeugen, dass Menschsein auch und gerade ohne Atomkraft möglich ist. Bresele hat seinen Beitrag geleistet, der heute bei uns seinen musealen Rahmen gefunden hat.

In diesem Sinne beeindruckt hat, was uns Gottfried und Christine Kreuzer zur Verfügung stellen, im beiläufigen Gespräch, das eine nicht enden wollende Wartezeit auszufüllen hatte, erfuhr ich von Reisen des Ehepaars in den 1970er Jahren nach Neuseeland, Ziel war die Forschung an den Felszeichnungen der Maoris, die Sie hier als Reprint sehen können, die Lebendigkeit und der unübersehbare Witz der Zeichnungen, der gleich ins Auge springt, bestätigt den Bresele-Beweis und die Kern-These des Error-Reaktors noch einmal aufs Nachdrücklichste, dass Menschsein ohne Kern-Kraft geht. Wesentlich ist der soziale Zusammenhalt, das Zeithaben und Zeitlassen, eine Tugend die konträr zum Leistungsprinzip steht, eine Tugend, die Nährboden für den Optimismus der Bremer Stadtmusikanten ist: Was Besseres als den Tod finden wir allemal, in ihrer Plastiken-Gruppe am großen Fenster integriert Christine Kreutzer den Gruppen-Zusammenhang der vier sehr verschiedenen Tiere ins Ganze und Runde und Zyklische der Erde und des Gaia-Prinzips.

Nun zur Nische hinter dem Wandpfeiler-Vorsprung.

Hier begegnen uns Manfred Ullrich, Uwe Müller, Petra Heimann und Christine und Gottfried Kreuzer, Manfred Ullrich präsentiert ein infernalisches Aufleuchten auf Leinwand, das die Grenze zwischen klassischer Malerei und Expressiver Moderne auflöst und dem Verlangen nach Wissen darüber, wie es am Anfang war, das gefühlte Wissen einer Bilder-Antwort gibt, die wie Platons-Höhlengleichnis warnen könnte, direkt ins Licht der Wahrheit blicken zu wollen.

Vor diesem Licht-Eindruck der atomaren Wahrheit, die in der Fachsprache Gau heißt, warnt auch Uwe Müller mit seiner Seidenmalerei, die den Titel „ungenehmigte Demonstration“ trägt. Die Seide als Bildträger ist Symbol für ein besonderes Qualitäts-Merkmal der abgebildeten Aktion, diese gehört in die Kategorie des zivilen Ungehorsams, einer Form HYPERLINK "https://de.wikipedia.org/wiki/Politische_Partizipation"politischer Partizipation, deren Wurzeln bis in die Antike zurückreichen und die eine bewusste, symbolische Regelverletzung gegenüber einem Staatsunrecht als moralischen Pflicht erkennen lassen. Das Gemälde Ausstieg neben dem Medien-Schlitz im Rheinsberg-Raum mit der hohen Fensterwand variiert dieses Motiv. Die große Skulptur am Fenster, die verschiedene plastische Motive der letzten Jahre verbindet, vor allem die Köpfe mit den Stangenkörpern, lässt sich begrifflich als Einigelung oder etwas offener als Gruppe beschreiben, wobei die Inhaltlichkeit des Gestänges, das funktional und instrumentell wirkt, offen bleiben darf.

Petra Heimann ist mit zwei Fotografien und einem kleinen Objektkasten dabei, in dem drei handelsübliche Knicktiere untergebracht sind, Titel Allesanalog. Auch hier das Spiel der Einzelteile im Bezug zur Gesamtheit, die in ihrer Lebendigkeit mehr als die Summe der Teile ist. Die kompositorisch ausgereiften Fotografien, die den Titel Schnelleb und Spuren haben und einmal eine S-Bahn-Situation zeigen und das andere Mal eine Kabel-Verlegungs-Baustelle, wählen in beiden Fällen Wirklichkeitsausschnitte, die so abstrakt angeschnitten sind, dass sie sich auf der Bildfläche von der Realität lösen und den Charakter autonomer Bilder erhalten. Absolut error-reaktor-mäßig.

Irene Fritz formuliert in ihrer Memento-Serie, die sechs Schädel-Monotypien zeigt, auf schlicht-schlüssige Weise das Verhältnis von Menschseins-Blaupause und den Spiel-Räumen, die einem wahrhaft individuellen Sein neben der Grundprägung als Mensch offenstehen. Dass das eine ganze Menge sein kann, hängt vom Erleben ab, allemal geht es über die Größe seiner Ursprungs-Behältnisse, der Schädelschalen, hinaus und ergießt sich in die Welt.

Selbst- und Welt-Erkundung könnte auch der Titel für Christine Coscins drei Arbeiten sein, der Titel der kleinen Arbeit, der die Aufsicht auf einen barfüßigen Fuß zeigt: „Der Weg, wohin führt er?“ könnte ergänzen. Jedes Bild ist eine Collage aus Zeichnungen und Serigraphien, die sich in lyrischer, inhaltlich offener Weise mit Nahsicht und Fernsicht-Motiven wie den Kopfportraits und den Dächern einer Stadt verbinden. Diese Methode erzeugt Sinn-Stimmungen der eigenen Existenz und macht, dass die Bewegung des Zeichenstiftes auch dem Ausschlag einer Wünschelrute entspricht.

Der Sog von Horizontalität und Weite sind vor allem die Kennzeichen für die schmalen Querformate von Marie-Luise Haberl, für das Bild „Industriebrache“ von Margret Seer gilt es ansatzweise. Die Introversion, die wir bei Coscin antreffen, gibt es hier nicht, Haberls pastoser Farbauftrag mit einer Dominanz der Farbe Grün suggeriert die mentale Wendung nach Außen und den Körper-Kontakt und lässt den Betrachter die Materialität der dargestellten Objekte spüren, der Wälder, der Landzungen, der Wege, des Erdreichs, des Wassers. Trotzdem. Bei all den Nähe-Empfindungen, die den Tastsinn des Betrachters erreichen, beinhalten die Bilder etwas unüberwindlich Distanzhaftes, als wären sie von unsichtbaren Schwellen und Schranken im Sinne einer höheren Kartografie parzelliert. Diese Grenzfestigkeit der Schwelle finden wir bei Seer nicht, hier sind offene atmosphärische Lichtfarb-Räume gegeben, die bei Monets malerischen Technik-Verherrlichungen noch ganz im Einklang mit der Idee der Modernisierung und Industrialisierung standen.

Manfred Dirscherl die Verästelungen des Floralen und der Handschrift berühren einander Eine Liebeserklärung an den lyrischen Feinsinn Und die Feinsinnigen Sachte und still wir enden im Schweben eines Haikus.

Umso lauter geht es bei Ismene Resatsch zu, sie interpretiert in ihren Gemälden „Weltzirkus“ und „Trampolin“, in denen der Klang der Zirkus-Kapelle geradezu hörbar wird, mit widerborstigem Pinselstrich die politische Bühne als Zirkusarena und Clownsfestival, dabei treten unverwechselbare Gesichter und Gesten aus regionaler und globaler Politik in den Vordergrund und demonstrieren ihre Methoden des Größer-Erscheinens. Wohl dem, der sich beim Höher-Hinauf der Flexibilität eines Trampolins anvertraut, Trump tut das nicht. Vor kurzem ging eine Nachricht durch die Zeitungen, dass in einem Neustädter Garten ein Trampolin aufgeschlitzt worden wäre.

Wir beenden unsere Runde durch den Error Reaktor im Rheinsberg-Raum, benannt nach dem großen Künstler der Spurensicherung Raphael Rheinsberg,

Auch hier ein Link zur großen Politik und den Schwächen ihrer Vertreter, Tone Schmid, bissig, perfekt und zeitlos wie immer, zeigt in seiner kinetischen Arbeit „Trump-Tower“ den Politiker in bester Dada- und Surrealismus-Manier als männlich phallokratisches Räderwerk, das im Falle des US-Präsidenten offensichtlich nicht richtig funktioniert. Es ist bestürzend, mit zu erleben, wie das perfekte Getriebe, der mechanische Supermann versagt, da, wo man die ausposaunte Spitze erwartet, erscheint statt einer heroischen Erektion ein nur allzu menschliches Wanken und Schwanken, mit dem wir keinen Krieg gewonnen hätten.

„Wer zähmt das wilde Pony?“ ist eine Paraphrase auf den Narzissmus, Zähmung könnte denkbar sein und das heißt, ein Ende des Selbst-Errors könnte denkbar sein, wenn sich der Bannkreis der Selbstbespiegelungen aufbrechen lässt. Aber besser Sie fassen das drehbare Objekt nicht an, es ist äußerst zerbrechlich.

Hella Kirschners Stammbaum-Stuhl, in der Wandmitte, ein Objekt, bestehend aus altem Stuhl, morschem Stück Baum, Fotos, Papieren, Persönlichem, Amtlichen, das die individuelle Herkunft der Autorin aufzeigt, verweist ebenfalls auf die Macht des Politischen, der wir grundsätzlich ausgesetzt sind. In ihrem Fall, einem Beispiel für viele andere, handelt es sich um das Problem der Herkunftsfamilie und das Kindsein in einer solchen Familie, die im 3. Reich auf der falschen Seite stand, handelt es sich um die privaten Geschichten in der Geschichte, die jetzt erst in ihrem eigenen Kontext tabufrei erzählbar werden.

Rita Schwarzer, hier links außen, entführt die Betrachter/innen, vielleicht nicht ohne Ironie unter den Wasserspiegel, angesichts des Klimawandels und der steigenden Meerespegel sind Kiemen, wie sie Seejungfrauen haben, eine feine Sache. Die Sensibilität, die den kleinen, bezaubernden Tonfiguren bei Muscheln im Meeressand eignet, könnte aber auch in eine andere Richtung raten, die besonders für Männer relevant ist, da für sie offenbar keine Kiemen vorgesehen sind, der Rat heißt: mehr Sensibilität und Empathie. Was sagen Sie zu unserer Bundeskanzlerin?!

Rechts außen Irma Baumann: Die Formulierungen, in denen die Bildhauerin ihr Bild vom Weiblichen zum Ausdruck bringt, verweisen eher auf Wachheit statt auf die oft und zum Überdruss zitierte Schwachheit, da wird zum Widerstand aufgerufen, der sich nicht nur gegen die Verächter sanfter Energie-Technologien wendet, hier werden Fäuste gereckt, a la Käte Kollwitz, wir werden aber auch angehalten, stumm zu verharren, vor dem Kopf-Portrait einer Träumenden, und es wird ein so kaum bekannter Augustinus zitiert: Die Hoffnung hat zwei hübsche Töchter: Wut und Mut. Bemerkenswert!

Victor Volodarskys Gemälde „König Midas“, eine Allegorie des Kapitalismus, der nichts anders kann, als aus allem Geld bzw Gold zu machen, heute sind das vor allem Finanzblasen, dieses Gemälde steht in enger Verbindung mit dem Bild seiner Frau Olina, da geht eine gedankliche Linie diagonal durch unseren Error Reaktor, und nun hat sich das Blatt gewendet. Die Öko-Kröte ist es, ein Nützling, sie hat bis auf ein paar Knöchelchen König Midas vertilgt.

So ändern sich die Bilder, jedes Bild ist eine Schichtung anderer Bilder, die sich mischen und mal mehr oder weniger deutlich werden. So ist jedes Bild auch ein Error Reaktor für den Hausgebrauch. Die Anschaffungskosten sind unterschiedlich.

Stefan Ullrich ist günstig. Er zeigt vier Exponate. Auf der oberen Schicht geben sie der Verbundenheit zur erwanderten Oberpfälzer Landschaft und zur Familie Ausdruck, aus den unteren Schichten drängt seine Begeisterung für die Kunst und die Kunstgeschichte nach oben, hier sind es die Künstler Gaston, Munch und Bacon, die uns vor ländlicher Architektur und auf den bekannten Wegen z.B. um den Fahrenberg quer durch die Zeiten entgegenkommen.

Der Stammbaum-Stuhl von Hella Kirschner, hier mittig wie ein Caspar-David-Friedrich-Baum in deutscher Seelenlandschaft, wird flankiert links von Manfred Ullrichs gedämpft farbigen Gemälde „Geo“. Rechts zwei intensiv farbige Gemälde von Alfred Hertrich.

Ullrich zeigt in seiner Arbeit eine Vision vom Ende der Zivilisation. Eine letzte leere Insel ragt aus dem Meer auf, klippensteil, vollgestellt von Bauwerken, die die höchsten Berge bis in den Himmel überragen, und alles Zeug, das übriggeblieben ist, Manifestation menschlicher Hybris, wird von pflanzlichem Rankwerk verschluckt.

Hertrichs Bilder sind erfüllt von andachtsvoller Stille. Zweimal Insel- oder Fjorde-Landschaft, aufleuchtend, in der Dunkelheit versinkend, in graziösen Kurven formieren sich Vogelschwärme auf dem Abendhimmel. Hertrich huldigt der natur-eigenen Eleganz, ganz der Klassiker, der sich ganz dem Bauhaus und der Guten Form verpflichtet hat.

Das sind die großen Gefühle, dann kommt der Alltag, auch im Error-Reaktor, Brigitte Konrad hat ihr Skizzenbuch und führt darin sporadisch ein zeichnerisches Tagebuch, hier ist eine Auswahl zu sehen. Als Kunststudentin in Hamburg hatte sie ein „Büro für Besonderes“ betrieben. Alles kann besonders sein, dieser Schuh, diese Haltung, diese Szene, diese Türklinken, diese Treppen, dieser Klingelknopf, dieser Mensch im Unterhemd, man muss nur seinen Error-Reaktor anstellen, das heißt den Bleistift spitzen.

Bleistift statt Brennstab.

Ich danke für Ihre Ausdauer.

Wolfgang Herzer