Bild 1  Der "Reli" aus "Die Lückenknüller Kids" von Wolfgang Herzer
Bild 2  Max Bresele in Uckersdorf mit zwei Gefäßen in den Händen, in Betrachtung des Tellerrands in einigen seiner Varianten
Bild 3  Arsenius Graf, der letzte Einsiedler auf dem Koppelberg, Luhe-Wildenau


Passt XIII

Über den Tellerrand oder Der fromme Eremit
Freie Mitgliederausstellung im Kunsverein Weiden


Freitag, 30. November 2018, 20 Uhr
Eingang durch das Vereins-Lokal Neues Linda
Ausstellung bis 13. Januar 2019

Tag der Offenen Tür
2. Advent, 9. Dezember 2018, 14–18 Uhr
Kaffe und Kuchen, für kulturelle Darbietungen offen, Wolfgang Herzer: Comic-Lesung "Die Lückenknüllerkids: Der Reli"
Spenden sind nützlich

Anonym, Udo Binder, Max Bresele, Christine Coscin, Walter Forster Irene Fritz, Christoph N. Fuhrer, Andreas Hanauer, Petra Heimann, Bärbel Hornung, Georg Hornung, Rosemarie Hys, Sepp Kellner, Hella Kirschner, Claudia Kneidl, Brigitte Konrad, Ludwig Kreutzer, Christine Kreuzer, Sigrid Merkl, Christine Mößbauer, Uwe Müller, Joachim Pfützenreuther, Werner Preißer, Ismene Resatsch, Axel Thomas Schmidt, Christian Schmidt Chemnitzer, Margret Seer, Fritz Thiem, Manfred Ullrich, Stefan Ullrich, Viktor Volodarskejy, Olena Volodarska, Maria Weber, Reiner Zitta
 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen der Kunst und des kreativen Lebens,

zum 13. Mal lädt der Kunstverein Weiden unter dem programmatischen Label „Passt“ zu seiner alljährlichen Mitgliederausstellung ein. Für die Abergläubigen unter Ihnen/ Euch: Es ist zwar Freitag, aber nicht der 13.

Der besondere Charme, den ohne Zweifel diese PASST-Ausstellung auch wieder besitzt, liegt vor allem an etwas Strukturellem, an der juryfreien Zulassung, die große Überraschungen und Kontraste erlaubt und Dinge zulässt, die in der äußerst harten Konkurrenz-Arena des Kunstmarktes nicht comme il faut sind. Freilich, je höher man steigt, desto größer auch die Chancen, noch die Spitzen des Nonkonformismus zu toppen.

Auf diese Weise kam 1917 die große Revolution der Moderne zustande, als die Ausstellung der Unabhängigen in New York angesichts der großen Namen auf eine Jury verzichtete, so konnte der französische Emigrant Duchamp ungehindert ein Urinal auf den musealen Sockel stellen, er titelte es „Fontaine“ und hatte die Objekt-Kunst zur Welt gebracht.

Auch hier zwischen Weidener Wänden erneuert sich die Grunderfahrung, die spätestens seit Marcel Duchamp und Andy Warhol Methode ist und ihren festen Platz im Making Art hat: Es ist der Kontext, der die Kunst zur Kunst macht. Es gibt nicht die Kunst an sich, es gibt die Vorzeichen, die kultur-soziologisch verankert sind, und manchmal sind sie nur gesellschaftliche Distinktions- Signale. Eine Passt-Ausstellung ist in diesem Zusammenhang ein kleiner Schmelztiegel, der scheinbar eisern ehernes Regelwerkt flüssig macht. Heuer werden rund 30 Personen über das Thema „Rückzug und Weltoffenheit“ oder „Freiheit und Reglement“ reflektieren, dies auch mit einem Verweis auf das regionale Eremitentum in den Gestalten des Arsenius Graf vom Koppelberg bei Luhe/Wildenau und des Außenseiters Max Bresele aus Uckersdorf. 

Ich danke für Ihre/ Eure Teilnahme und das Vertrauen in mich und mein Feeling als Passt-Macher, das damit bekundet wird, es hat mir viel Spaß gemacht. Ich hoffe, die Plätze, an denen ich Ihre/ Eure Arbeiten untergebracht habe, enttäuschen nicht, ich hoffe der gedankliche Rahmen, in den sie mein Arrangement stellt, reizt zu einer Betrachtung, die über den Tellerrand hinausgeht. Einige Arbeiten werden ich diesbezüglich als Illustration verwenden, das bitte ich nicht als Bevorzugung gegenüber den anderen zu betrachten.

Die zweiteilige Arbeit von Fritz Thiem, die dem Abulafia, dem sephardischen Rabbiner, Philosophen und Begründer der Prophetischen Kabbala gewidmet ist, einem Mann der Ekstase, musste ich gegen seinen Wunsch entzweien. Der Gesamtzusammenhang, der sich aus dem Zueinander der Dinge ergeben hatte, zwang mich dazu ... höhere Gewalt, dachte ich ... und beugte mich ... vor Fritz und dem Zufall.

An dieser Stelle passt auch eine Verneigung vor Maria, Franz und Robert, ohne die das Ganze nur die halbe Sache wäre, sie helfen dem Mangel an gastronomischer und technischer Kompetenz, die den Kurator auszeichnet, weitgehend ab.


 

Die Himmelsleiter, wenn sie so wollen, die über den Tellerrand irdischer Raum-Zeit-Verhältnisse hinausführt, ist ein signiertes Geschenk von Christian Schmidt-Chemnitzer, manche erinnern sich vielleicht noch, damit hat der Berliner Künstler 2005 für uns eine Performance durchgeführt, 2x12 Stunden Dauerstehen im City-Center Weiden, Sprossenwechsel jede halbe Stunde, Zeitgeber war der Titel der Darbietung.

Die Fotos zu Arsenius verdanken wir Veit Wagner, der, um zu fotografieren, eine private Ein-Mann-Wallfahrt nach Luhe-Wildenau durchgeführt hat. Danke Veit. Ich hatte vorher nichts von dem regionalen Eremitenwesen gewusst, das sich an etlichen Beispielen studieren lässt. Wussten Sie?

Max Bresele dürfte bekannter sein, hier ist sein Museum, auf dem Foto für die Einladungskarte vergleicht er die Ränder zweier unterschiedlicher Gefäße, eines Bechers und eines Blumentopfes, der Gegensatz zum Teller ist offensichtlich, außerdem: ein Becher kann Blumentopf sein, umgekehrt geht das nicht, wie passt der Teller dazu? Was brauchen wir, um ihn zur Gruppe passend zu machen, vielleicht eine Schale? So lösen die Begriffe ihre Grenzen auf und gehen ineinander über und mischen sich.

Das oben versprochene Überraschungsmoment ist darin begründet, dass der Kunstverein Weiden keine Interessens-Gemeinschaft von Künstler/innen für Künstler/innen ist, die mit ihrer Arbeit auch etwas verdienen wollen bzw müssen.

Der KV Weiden ist vielmehr die Gründung von selber nicht schaffenden Liebhaber/innen der zeitgenössischen Kunst und soll eine allgemeine Vermittlungs-Einrichtung sein, die die Momente Bildung, Förderung und Information in den Vordergrund stellt.

Wenn es hier „Passt“ heißt, dann ist daher nicht der künstlerisch berufliche Status der Teilnehmer/innen oder der Glanz und die Tiefe der Kunstwerke das entscheidende Kriterium, sondern gerade der Abstand dazu, die Distanz zu allen eingefleischten Vorgaben. Die Blickwinkel gegenüber Artefakt und Artist/in, die wir von Jenseits des Tellerrandes einnehmen, heißen philosophisch Metaebene, biblisch Weinberg des Herrn und nach Umberto Eco Offenes Kunstwerks.

Das künstlerische Einzel-Werk enthält für sich betrachtet in seinem Inneren immer auch einen verborgenen Bezugsrahmen, er bringt die visuellen und geistigen Werkelemente in die sinnstiftenden Zusammenhänge, aus denen letztendlich der Bildeindruck als Ganzes hervortritt. Dieser innere Rahmen wird nun in der Menge der Kunst-Objekte und ihrer Bezugsrahmen als allgemeines Grundprinzip und Interaktions-Muster der Bildnerei sichtbar und macht die Ausstellung selber zum Ausstellungsobjekt.

Als ein für mich evidentes Beispiel, möchte ich Ihnen das Arrangement an der Trennwand zu meiner Linken anbieten. Hier war ich selber überrascht, auf den ersten Blick sehen wir das irritierende Eremiten-Portrait von Andreas Hanauer, einem Gast aus Regensburg und Freunde von Schwafi, dem Künstler unserer letzten Ausstellung, und daneben die faszinierende Regal-Installation und Weck-Gläser-Akkumulation von Claudia Kneidl, die, um zu ihrem Stoff zu gelangen auch durch Weidener Unternehmen wie Bauscher pilgerte, dort um milde Gaben bat und auf diese Weise den KUVE ins Gespräch gebracht hat.

Die Einzel-Werk-Ebene, die mit der Ausstellung gegeben ist, ist schon an sich toll genug, aber hier offenbarte sich mir plötzlich auch besagter Tollheit ganzer Kern: Da war im Raum besagter Arbeiten ein irgendwie überirdischer Glanz, nur Einbildung ?, Folge meiner überreizten Augen?, nein!, aber wo kommt er her der Glanz dieser Stelle im Ausstellungsraum?

... er löst sich von seinen signifikanten Objekten, dem gemalten Weinflaschen-Glas Hanauers und dem realen Glas, das Kneidl zu einem Glanz-Orchester zusammengestellt hat, und verbindet sich zu einem begrifflichen Gleißen, das über den Dingen schwebt, dabei lässt es uns eine besondere Qualität ahnen, eine ergreifende Qualität - aber Vorsicht, Steinschlag! Hanauers Bild ironisiert - ein Wahrnehmungs-Ereignis, das der Mystiker Jakob Böhme unter den Paradigmen einer anderen Zeit aber vor einer ähnlichen Gegebenheit – er hat einen Teekessel poliert - als religiöse Offenbarung erlebt haben mag.   Der Grund für die Überraschung, was alles zusammen - passt, wenn es nicht passen muss, liegt in der Sinn bestimmenden bzw Sinn verschiebenden Macht des Kontextes. Das ist das geheimnisvolle Pilz-Myzel im Dschungel unseres Gehirns, das ist die spielerische Willkür, die nun das Steuer übernimmt und hier zwischen Falsch und Richtig unterscheidet, das ist das Nichts, das den Dingen Dauer und Bedeutung gibt bzw scheinbar feste Bedeutungen verschiebt, verändert oder umwirft und dann ist da noch die professionelle Fähigkeit, diese Überraschungs-Macher zu nutzen.

Da hat dann die documenta-Linie des KV, mit der wir gut und gerne mit den Amberger ACC-Ausstellungen mithalten konnten, kein Problem mit dem „Mond über Parkstein“, wenn bei diesem Date der Kunstwelten Arbeiter/innen im Weinberg des Herrn die Fäden ziehen und wahrmachen, wovon der Romantiker träumt, dass alles miteinander verwunden ist.

So wird der Heimwerker-Ausruf PASST ironische Brechung, die das Große ins Kleine herabbricht und Ausdruck von einem kosmologischen Weltenbauer-Feeling, der das liebende Herz in das Zentrum stellt – da bin ich geneigt, einen Titel von Axel Thomas Schmidt zu verwenden: Das Herz der Herde. Das Herz bebt, wie man sieht.

Entscheidend ist die Einstellung zur Kunst, die Toleranz gegenüber dem Fremden und die Freude am Miteinander, dies erhält hier eine Plattform, die alle Formen kreativen Ausdrucks und Vermögens reiz- und geistvoll integriert.

Sehen Sie selber! Lassen Sie sich Zeit.

Das sagt Ihnen auch und vor allem der Fliegenpilz auf den Bildern von Sigrid Merkel am Eingang, der in der richtigen Dosierung als delirantes Halluzinogen wirkt, mit individuell unterschiedlicher Verzögerung.

Lesen Sie aber auch den Beipackzettel: Tellerrandüberschreitungen dieser Art sind nicht ganz ungefährlich! Need no Speed.

Trotzdem! Eine gute Vorspeise, die Geschmack auf mehr macht, aber seien Sie mir nicht böse, wenn ich Ihnen jetzt nicht das ganze 60 - gängige Menü aufzähle und im einzelnen beschreibe und mich lieber wie Odysseus an den Mastbaum binden lasse, ein Tip muss genügen, denken Sie bei jeder Begegnung mit einem der Exponate:

Fliegenpilz!,

auch wenn sie garkeinen wirklich genommen, sondern ihn nur visuell gekostet haben. Ein Augenschmaus, der die Welt in ein buntes Kreiseln, in ein Pilze-Fliegen auflöst,! Die Freude am Leben zu sein, die dieses Wort allein schon auszulösen im Stande ist, sollte reichen um zu delirieren, da sehen Sie ein Männlein im Walde, natürlich!, den Eremiten, dem es frommt, uns den Tellerrand zu zeigen und einzuladen, ihn in seiner fliegenden Untertasse zu begleiten.

Mit einem Angebot an derlei mentalen Exkursionen will der Kunstverein nicht zuletzt auch im 25. Jahr seines Bestehens Werbung für neue Mitglieder machen.

Fliegenpilz.

Die Inspiration für dieses Thema hat zwei Ursprünge. Der eine führt uns in das internationale Keramikmuseum in Weiden, dort ist neben teils mehrtausend-jährigen, salopp gesagt, Tellerrand-Sachen, auch eine Ausstellung mit Arbeiten eines jüngst gewesenen Workshops zu sehen.

Anlässlich des Tags der deutschen Einheit haben Künstler/innen der Ost-West-Partnerstädte Annaberg-Buchholz und Weiden das besagte Symbol-Thema angepackt, es wurden die Gedanken zum Phänomen von Eng- und Weit-Stirnigkeit auf allen Ebenen, auch der politischen, gecheckt und bildnerisch anregende Beispiele geliefert, die einer Betrachtung wert sind.

Strukturell betrachtet ist der fromme Eremit, wenn man das spätromantische Bild des einsamen Asketen zur Seite stellt, eine Verdoppelung des Tellerrand-Motivs. Auch hier haben wir die Polarität von Innen- und Außen, die sich in der Abkehr des Eremiten von weltlicher Existenz und in seiner Hinwendung zur spirituellen Essenz verkörpert. Wir finden ihn gerne in orientalischen Wüsten, in die uns auch das Keramik-Museum entführt.

Was bewegt den Eremiten zum Rückzug, könnte eine der Fragen sein, die uns das Thema näher bringt? Vielleicht, ein Sagen und Verkünden, das in ihm zu den Menschen drängt, und die Sorge, damit vielleicht aber auch auf dem populistischen Holzweg zu sein. Zurückhaltung scheint ihm da mehr zu frommen. Das ist Themen-Ursprung Zwei.

Fliegenpilz! Plötzlich schießt er überall aus dem Boden, aus den Wänden, aus den Köpfen, aus den Gewehren, ach wie schön!

Das kann einem auch zu viel werden. Darum ist all das, was Maria Weber in ihrer höchst dankenswerten Weise auf dem Bar-Tresen serviert, garantiert fliegenpilz-frei, Sie können die Gefäße bis auf den Grund leeren.

Ich danke für Eure/Ihre Aufmerksamkeit und Euer/Ihr Vertrauen. Stoßen wir auch auf die an, die gegen ihren Willen über den Tellerrand müssen.

Wolfgang Herzer